Aus der Geschichte der Gemeinde

Vorgeschichte und Gründungszeit

Als am 24. Januar 1909 die neugegründete deutsche Gemeinde in Oslo (damals noch: Kristiania) ihren ersten Gottesdienst feierte, war dies gewissermaßen der Schlusspunkt einer längeren Entwicklung. Deutschsprachige Gottesdienste hatte es in Kristiania seit Mitte des 17. Jahrhunderts sporadisch gegeben: Die Münzprägewerkstatt etwa auf der Festung Akershus beschäftigte deutsche Arbeiter, die zeitweise einen eigenen deutschen Pfarrer hatten, der wiederum aus der königlichen Kasse bezahlt wurde. Doch zur Bildung einer eigenen Gemeinde war es nie gekommen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wandten sich deutsche Bewohner in Kristiania an den Leiter der Herrnhuter Brüdergemeine in Norwegen – ein deutscher Pfarrer namens Johann Heinrich Möhne – mit der Bitte, sonntags auch Gottesdienst in deutscher Sprache zu halten. Damit wurde eine Tradition in Gang gesetzt, die sich über 50 Jahre hielt. Die Gottesdienste fanden im Versammlungssaal der Brüdergemeine in der Nedre Slotsgate 15 Der Versammlungssaal der Brüdergemeine in der Nedre Slotsgate statt und waren sehr gut besucht – von Deutschen und Norwegern. Auch seelsorgerliche und diakonische Aufgaben an Deutschen wurden im Laufe der Zeit verstärkt an den Herrnhuter Prediger herangetragen, so dass er in der Bevölkerung bald ganz selbstverständlich als “der deutsche Pfarrer in Oslo” galt. Als 1902 die Herrnhuter Station in Norwegen wegen Mitgliedermangels und Finanzierungsschwierigkeiten aufgehoben werden musste, entfielen damit auch alle deutschsprachigen pfarramtlichen Tätigkeiten bis auf weiteres.

1908 wurde ein erneuter Vorstoß gewagt. Der deutsche Gesandte im 1905 selbständig gewordenen Norwegen, G. von Treutler, war betroffen von den sozialen Gegensätzen unter den in Oslo lebenden Deutschen, die in unterschiedlichen, zum Teil verfeindeten deutschen Vereinen organisiert waren. Er suchte nach einem alle verbindenden Element und fand es in der Idee einer deutschen evangelischen Auslandsgemeinde. Im Frühjahr 1908 sammelte er die Vorsitzenden der verschiedenen deutschen Vereine, u.a. von der Deutschen Gesellschaft, dem Deutschen Verein, dem Gesangverein “Loreley” und dem Deutschen Enthaltsamkeitsverein.

Aufgabe des Ausschusses war es zum einen zu klären, wie groß unter der deutschen Bevölkerung in Oslo der Bedarf nach einer eigenen Gemeinde war, zum anderen die Finanzierung eines eigenen Pfarrers abzusichern. Vier gut besuchte deutschsprachige Gottesdienste in den Sommermonaten zeigten, dass das Interesse an einer Gemeindebildung durchaus vorhanden, ja groß war. Auch war es in nur wenigen Wochen möglich, einen Teil der Finanzierung dadurch zu sichern, dass sich etwa 60 Personen bereit fanden, einen jährlichen festen Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Zusätzlich wurde die Evangelische Kirche in Deutschland um Unterstützung gebeten. Der Oberkirchenrat in Berlin gewährte diesen Zuschuss unter der Bedingung, dass die neue Gemeinde der preussischen Landeskirche angeschlossen wurde.

Daraufhin wurde die Pfarrstelle in Deutschland ausgeschrieben. Es meldeten sich 29 Bewerber. Norwegen war ein beliebtes und durch die Sommerreisen des Kaisers bekanntes Land. Zudem herrschte in den deutschen Landeskirchen Theologenüberschuss. Am 22. November 1908 erfolgte die Gründungsversammlung der Gemeinde, bei der der Kirchenvorstand und der Pfarrer gewählt sowie die Gemeindeordnung festgelegt wurde. Die Pfarrerwahl Pfarrer D. Dr. Victor Hermann Günther, 1909-39 und 1947-55 fiel auf den jungen Hilfsgeistlichen Victor Hermann Günther aus Auerbach in Sachsen.

In der Bibliothek unseres Gemeindehauses hängt ein Bild jenes ersten Pfarrers der Gemeinde, entstanden in sehr viel späterer Zeit, sowie ein Bild seiner ersten Frau, Dorothea Günther. Im Keller fand sich ein Notizbuch des Pfarrers, in dem er alle Gottesdienste aus der Zeit 1909 -1920 handschriftlich festgehalten hat. Darin lautet der erste Eintrag:

24. Januar 09: Eröffnungsgottesdienst mit Feier des Geburtstages seiner Majestät des deutschen Kaisers. Lieder: Ein feste Burg ist unser Gott, und: Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren. Thema: Vom Dienen. Predigttext: 1. Kor 9,19. Abkündigungen: Aufforderung zum Beitritt.

Nicht vermerkt ist leider, wo dieser erste Gottesdienst stattfand, Das Missionshaus in der Akersgate, in dem lange Zeit die Gottesdienste stattfanden besaß die Gemeinde doch keine eigene Kirche. Die Vermutung liegt allerdings nahe, dass bereits da das lutherische Missionshaus in der Akersgate Gottesdienstort war, das über Jahrzehnte hindurch das Zuhause der deutschen Gemeinde sein sollte.

Eine eigene Kirche – ein eigenes Haus

Schon bald nach Gründung der deutschen Gemeinde im Jahr 1908/09 kam der Wunsch nach einer eigenen Kirche auf, denn ohne eigenes Gotteshaus schien vielen eine Gemeinde nichts zu gelten. Doch woher Geld und Grundstück nehmen?

Ein großer Basar im Jahre 1910 sollte zumindest den Grundstock für die Finanzierung sichern. Durch Vermittlung des deutschen Gesandten in Oslo, Herm von Treutler, der ja bereits an der Gemeindegründung maßgeblich beteiligt gewesen war, wurden deutsche Firmen, die deutschen Fürstenhäuser, ja selbst der deutsche Kaiser um Hilfe gebeten. Mit großer Resonanz. Nicht nur spendete der Kaiser höchstpersönlich die beträchtliche Summe von 20000 Reichsmark, auch beteiligten sich neben vielen Privatpersonen mehrere Firmen und auch Fürsten in Deutschland durch Gewinne oder Geldspenden an der Sammelaktion. Der Basar wurde ein großer Erfolg – sowohl finanziell als auch psychologisch (stärkte er doch das Selbstbewußtsein der jungen Gemeinde ungemein) und ging in die Gemeindeannalen ein als “der” Basar.

Auch die Bemühungen um ein geeignetes Baugrundstuck schienen zunächst rasch zum Erfolg zu führen. Die Stadt Oslo wurde um passende Angebote gefragt und zeigte sich sehr kooperativ. Doch den Vorstellungen der Gemeinde konnte sie nicht gerecht werden. Diese wollte natürlich möglichst kostengünstig und vor allem möglichst zentral gelegen zu einer eigenen Kirche kommen. So schlug sie gar das Angebot der Stadt, ihr ein Grundstück bei St. Hanshaugen zu schenken, aus. Der Kirchenvorstand hielt die Lage nicht für zentral genug (heute geht es fast nicht mehr zentraler und schöner in Oslo).

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs verzögerte alle weiteren Baupläne. Es wurde zwar weiter Geld gesammelt, doch die Verhandlungen Das Innere des Missionshauses beim Gottesdienst der Gemeinde mit der Stadt führten zu keinem konkreten Ergebnis. Schließlich machte die Wirtschaftskrise Anfang der 1920-er Jahre allen Ideen und Planen ein radikales Ende. Alle Gelder – bereits gezahlte und noch in Aussicht gestellte – fielen der Inflation zum Opfer.

So blieb die Gemeinde weiterhin Gast im Missionshaus in der Akersgate 72. Sie konnte von Glück sagen, dass ihr diese Möglichkeit offenstand. Das Missionshaus diente der Trefoldighets Gemeinde als Versammlungs- und Vortragssaal und war im Grunde für Gottesdienste nicht vorgesehen. Doch die Gemeindeglieder zeigten sich flexibel und improvisierfreudig. Sie zimmerten sich selbst einen Altar und räumten ihn nach jedem Gottesdienst zur Seite.

Aus den Anfangsjahren im Missionshaus stammt das Abendmahlsgerät, das wir bis heute noch benutzen; die Herrenhuter überließen es der Gemeinde bei der Niederlegung ihrer Station. Auch die beiden großen silbernen Altarleuchter, Geschenk einer Privatperson, stammen aus dieser Zeit. Eine von der Kaiserin gestiftete Altarbibel Die Altarbibel, ein Geschenk der deutschen Kaiserin Auguste Victoria mit kunstvollem Ledereinband ist leider vor einigen Jahren aus dem Gemeindehaus gestohlen worden.

Erst Ende der 1950-er Jahre nahm die Frage nach eigenen Räumlichkeiten wieder ganz konkrete Formen an. Das Missionshaus sollte abgerissen werden und die Gemeinde musste sich so zwangsläufig nach einer neuen Bleibe umsehen. Wieder stellte sich die dringliche Frage der Finanzierung eines eigenen Hauses oder gar einer eigenen Kirche. Der betagte Pastor Günther unternahm gemeinsam mit Schwester Grethe Knudsen seine berühmte “Bettelreise” durch die Bundesrepublik und erbettelte bei Firmen und Vereinen, bei Banken und Stiftungen einen Betrag von knapp 150 000 NOK. Zusammengerechnet mit einer großzügigen privaten Stiftung aus den 50-er Jahren hatte man nun einen soliden Grundbetrag zur Verfügung. Als am 26.10.1959 in der Tageszeitung “Aftenposten” diese Anzeige erschien: Solid og velholdt murvilla til salgs i Eilert Sundtsgate (Solide und gut erhaltene gemauerte Villa in der Eilert Sundt gate zu verkaufen), wurde der Gemeindekirchenrat aktiv. Zwei Monate später konnte der Kaufvertrag abgeschlossen werden.

Doch bis zum Einzug ins eigene Haus sollten noch fast 4 Jahre ins Land gehen. Denn die Räume erforderten einen grundlegenden Umbau, um für Gemeindezwecke Amtseinführung von Pfarrer Graf zu Lynar, 1955-65, in der Dreifaltigkeitskirche in Oslo nutzbar zu sein. In der Übergangszeit fanden die Gottesdienste in der Uranienborgkirche start. Anfang Oktober 1964 schließlich konnten die neuen Räumlichkeiten in Gebrauch genommen werden. In der Einladung zur Einweihungsfeier schrieb der damalige Pfarrer Graf zu Lynar:
Möge unser Gemeindehaus eine Stätte zum Lobe Gottes und der Liebe Christi werden, Heimstatt und Zuflucht und nicht zuletzt ein Ort der Begegnung zwischen Alten und Jungen, Erprobtem und Neuem, Zentrum einer lebendigen Gemeinde, in der niemand fremd und einsam bleiben soll.

Die ersten 25 Jahre: 1909-1934

Nach ihrer Gründung im Jahre 1908/09 blieb der jungen deutschen Gemeinde in Norwegen wenig Zeit, sich in Ruhe zu etablieren. 1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Damit standen das Selbstverständnis und die Zielsetzung der Gemeinde unerwartet und radikal zur Diskussion: Wie konnte man in einem neutralen Land deutsche Gemeinde sein, wo doch der Krieg von deutschem Boden ausging?

Pastor Günther schrieb 1959 rückblickend: Beabsichtigt und geplant haben wir in jenen Kriegszeiten nichts. Wir wurden in Aufgaben und Anforderungen hineingerissen und kamen – insbesondere anfangs – gar nicht recht zur Besinnung. Aufgaben, die sich der Gemeinde ganz von allein erschlossen, lagen vor allem auf dem praktischen und dem seelsorgerlichen Gebiet. Dabei stand an erster Stelle die finanzielle Unterstützung von Familien, deren Männer zum Kriegsdienst nach Deutschland einberufen wurden und die von einem Tag zum anderen ohne Verdienst dastanden. Diese Arbeit geschah in enger Zusammenarbeit mit dem “Deutschen Hülfsverein” und dem ,”Allgemeinen Frauenverein”. Im Laufe der Jahre verschickte die Gemeinde vermehrt ,”Liebesgaben” auch nach Deutschland selbst, um Notleidende dort zu unterstützen.

Dem Pfarrer selbst stellte sich sehr bald noch eine ganz neue Aufgabe: Im Trondheimsfjord wurde die “Berlin” interniert, ein deutsches Kriegsschiff mit 450 Besatzungsmitgliedern. Pastor Günther übernahm die geistliche Begleitung der auf dem Schiff festgehaltenen Menschen, indem er sie fast vier Jahre lang regelmäßig besuchte. – Auch die Betreuung deutscher Kriegsgefangener, die aus Russland nach Norwegen verlegt wurden, fiel in seinen Aufgabenbereich. Zwei Gefangenenlager befanden sich im Valdres (Gebirgsgegend in Südnorwegen) und bei Flisa an der schwedischen Grenze. Da diese reise- und zeitintensive Arbeit die Kapazitäten einer einzelnen Person auf Dauer überschritt, waren Überlegungen im Gange, einen zweiten Pfarrer nach Norwegen zu entsenden. Mit dem Kriegsende und der allmählichen Auflösung der Internierungslager aber erledigte sich diese Frage.

In die Kriegsjahre fiel auch die Gründung einer eigenen Gemeindezeitung. Ziel war es, deutschsprachige Menschen in ganz Norwegen zu erreichen und miteinander in Kontakt zu bringen. “Der evangelische Gemeindebote aus Kristiania” erschien erstmals Ostern 1915. Unter wechselndem Namen erreichte er in seinen besten Jahren eine Auflage von 1500 Exemplaren. Er wurde regelmäßig mit 10 Ausgaben pro Jahr publiziert, zuletzt im Mai 1945.

Die Nachkriegsjahre waren Jahre der inneren Festigung. Die Mitgliederzahl stieg und auch die Jahresbeiträge gingen in die Höhe. 1920 war die Gemeinde das einzige Mal in ihrer Geschichte finanziell unabhängig von der Ev. Kirche in Deutschland. Doch die Wirtschaftskrise machte dieser erfreulichen Tatsache rasch ein Ende: Die wirtschaftliche Lage auch in Norwegen wurde immer schlechter. Manche Gemeindeglieder zogen nach Deutschland zurück oder wanderten anderswohin aus. Zugleich sperrte Norwegen nach und nach die Grenzen für Ausländer, die nicht unentbehrlich für die Industrie waren. So kam es immer seltener zum Zuzug neuer Familien.

Diese schwierige Situation führte zu einem stärkeren Zusammenhalt in der Gemeinde. Die Gottesdienste waren weiterhin gut besucht, und die berühmten Familienabende erfreuten sich wachsender Beliebtheit. Diese Abende dienten vor allem dem sozialen Kontakt und hatten in dieser Hinsicht eine integrative Funktion: Deutsche aller Klassen und Verbände kamen in der Gemeinde unter einem Dach zusammen. Dass es dann unter der Federführung des Pfarrers möglich wurde, alle deutschen Vereine in einem Dachverband zu sammeln (dem ZDK – Zusammenschluss aller Deutschen in Kristiania), ist nicht zuletzt den Gemeindeabenden zu verdanken.

1934 feierte die Gemeinde ihr 25-jähriges Jubiläum mit einem großen Fest im lutherischen Missionshaus und im Saal vom Osloer Handelsstand. Die Liste der Gäste war lang, der deutsche Pfarrer aus Kopenhagen sagte in seiner Grußrede, es sei ,,erstaunlich zu sehen, welchen Platz die deutsche evangelische Gemeinde und insbesondere ihr Pfarrer sich in diesem kurzen Vierteljahrhundert in den Herzen und in der öffentlichen Meinung des norwegischen Gastvolkes und der norwegischen lutherischen Bruderkirche erobert hat.”

Dunkle Zeiten: die Kriegs- und Nachkriegsjahre

Der 2. Weltkrieg und die Besetzung Norwegens durch deutsches Militär im Apil 1940 bedeutete für die deutsche evangelische Gemeinde einen gewaltigen Einschnitt. Seit Hitlers Machtergreifung hatte die nationalsozialistische Ideologie zum Teil auch Eingang in die deutschen Vereine und Gruppen im Ausland gefunden und dort zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. So sah sich die Gemeinde in Oslo mit der Forderung konfrontiert, während der Gottesdienste im Missionshaus draußen vor der Tür die Hakenkreuzflagge zu hissen. Doch der Gemeindekirchenrat lehnte dies ab und benutzte stattdessen die in Deutschland soeben eingeführte Kirchenflagge mit lila Kreuz auf weissem Grund. Das hatte u.a. den Austritt eines Kirchenältesten aus dem Gemeindekirchenrat zur Folge.
Bereits 1936 forderte das Kirchliche Außenamt in Deutschland die vorzeitige Pensionierung von Pfarrer Günther, da seine Frau Dorothea jüdischer Abstammung war. Zudem galt der Pfarrer als unbequem, da er am Zusammenschluß aller deutschen Vereine in Oslo mitgewirkt hatte, die sich der Gleichschaltung durch die Partei widersetzten. Durch Vermittlung der norwegischen Behörden konnte jedoch erreicht werden, dass der Pfarrer – wenn auch offiziell “pensioniert” – in Oslo blieb, um dort neue Aufgaben zu übernehmen. Nach seiner Ablösung durch den Nachfolger, Pfarrer Helmut Schieck, im Januar 1940 wurde Hermann Günther Verbindungsbeauftragter zwischen der deutschen Zivilverwaltung und der norwegischen Kirchenfront gegen die Okkupationsmacht. In dieser einzigartigen Stellung war es ihm möglich, als Sprachrohr der Norweger Kritik am Besatzungsalltag zu äußern; dabei habe er (so heiß es in der Gemeindegeschichte) “kein Blatt vor den Mund genommen” und so manche Härte mildern können.

Der neue, von der Gemeinde selbst Pfarrer Helmut Schieck, 1940-46 gewählte Pfarrer Helmut Schieck trat keine leichte Aufgabe an. Er war nicht Parteimitglied und stand den Nazis skeptisch gegenüber. Doch war er offizieller Vertreter der deutschen Kirchenbehörde. Es gelang ihm, auf dem schmalen Grat zwischen Anpassung und Verbot das Gemeindeleben aufrechtzuerhalten. Nach Kriegsende musste er wie alle Deutschen, die nach 1933 ins Land gekommen waren, Norwegen verlassen. – Mit dem Ende des Krieges hörte die Gemeinde faktisch auf zu existieren. Ihr Eigentum wurde vom norwegischen Staat beschlagnahmt, Deutsch sprechen und Deutsch sein waren nicht mehr möglich. Der damalige Bischof von Oslo riet darum den verbliebenen Gemeindegliedern, “ins Winterlager zu gehen”.

Der Pfarrer bat um Besuchserlaubnis bei den deutschen Inhaftierten, die zunächst auf der Festung Akershus, später in anderen Gefängnissen in und außrhalb Oslos einsaßn. Die Behörden brachten ihm ein hohes Maßan Vertrauen entgegen und gewährten ihm in seiner seelsorgerlichen Arbeit eine erstaunliche Selbständigkeit. – Norwegen war das erste Land, das alle Gefangenen, auch die zum Tode oder zu lebenslanger Haft Verurteilten, begnadigte und nach Hause entließ Die letzten verließen Norwegen 1953.

Der Gemeindekirchenrat bestand im Sommer 1945 noch aus drei Personen, alle drei Norweger deutscher Abstammung. Sie bemühten sich mit unglaublichem Einsatz darum, die völlige Auflösung der Gemeinde zu verhindern und ihren Wiederaufbau vorzubereiten. Es gelang ihnen vor allem, die Rückgabe des beschlagnahmten Gemeindeeigentums zu erwirken. Aus der Norwegischen Kirche kamen klare Signale: Ihr müsst keinesfalls weggehen und aufgeben. Wir brauchen euch als Bindeglied zwischen unseren beiden Kirchen und Völkern.

Im Sommer 1947 wurde zum ersten Mal nach dem Krieg wieder ein Gottesdienst gehalten. Man bat einen deutschen Pfarrer, der in Oslo eine internationale Jugendkonferenz besuchte, um die Predigt. Im Herbst desselben Jahres wurde Pfr. Günther erneut in die Pfarrstelle der Gemeinde gewählt. Damit war der Grundstein zur allmählichen Neukonsolidierung der Gemeinde gelegt.

Das größte Problem der Wiederaufbaujahre stellten die Finanzen dar. Die vergleichsweise wenigen Mitglieder waren außerstande, das Gehalt des Pfarrers und andere notwendige ,,Posten” alleine zu finanzieren. Aus dieser schwierigen Lage rettete die Gemeinde eine Patenschaft: Die Hansestadt Lübeck erklärte sich für die Frist von 5 Jahren zur Zahlung eines festen Geldbetrages bereit. Doch ohne den Zusammenhalt und den festen Willen der Gemeindeglieder, auch nach dem Krieg deutschsprachige Kirche in Norwegen zu sein, wäre der Gemeinde wohl kaum eine Zukunft beschieden gewesen. Viele Dienste geschahen im Stillen und bildeten gerade so die Seele der Gemeinde. Auch das Wohlwollen und die Solidaritat der Norwegischen Kirche in diesen Jahren waren eine wichtige, unverzichtbare Hilfe.

Stichworte aus den Jahren nach 1955

1955 wird Pfarrer Graf zu Lynar als dritter Pfarrer in der Geschichte der Deutschen Gemeinde in sein Amt eingeführt.
1957 Findet die erste Andacht auf dem deutschen Soldatenfriedhof Alfaset statt, anlässlich eines Besuches des “Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge”. In diesem Jahr wird auch der erste deutsche Gottesdienst in Bergen nach dem Krieg gefeiert.
1958 spendet der Bundeskanzler Dr. K. Adenauer der Gemeinde 5000 DM für den Bau einer Kirche.
1959 feiert die Gemeinde ihr 50-jähriges Jubiläum mit einem Festgottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche. In diesem Jahr findet auch in Trondheim zum ersten Mal nach dem Krieg ein deutscher Gottesdienst statt.
Aus dem Jahresbericht 1961 stammt das Zitat: “Anders als in der Nachkriegszeit ist es kein Wagnis mehr, sich zum Deutschtum zu bekennen und Gemeindemitglied zu werden.”
Im Jahr 1963 beginnen die Umbauarbeiten im Haus Eilert Sundtsgate. Ein Jahr später wird das neue Gemeindehaus eingeweiht.
1965 wird Martin Helmer zum neuen Pfarrer der Gemeinde gewählt, 1968 Stefan Riemenschneider. 1971 findet in Kristiansand der erste deutschsprachige Gottesdienst in neuerer Zeit statt.
1974 wird Klaus Bathke Pfarrer der Deutschen Gemeinde,
1978 Gerhard Heilmann.
Ein Jahr später findet auch in Stavanger ein deutschsprachiger Gottesdienst statt.
1980 eröffnet in den Kellerräumen des Gemeindehauses die Deutsche Schule Oslo.
Im Erntedankgottesdienst desselben Jahres werden die neuen bunten Kirchenfenster im Gemeindehaus eingeweiht.
1981 findet am Volkstrauertag erstmals auch eine Gedenkfeier am Mahnmal in Grini (in Grini befand sich das deutsche Konzentrationslager) statt.
1990 ändert die Gemeinde ihren Namen in “Ev. Gemeinde deutscher Sprache in Norwegen”, um eine größere ökumenische Offenheit zu signalisieren.
1993 wird das Pfarrehepaar Hanna und Heiner Mausehund auf die Pfarrstelle der Ev. Gemeinde deutscher Sprache gewählt.
Von August 2000 an hat das Pfarrehepaar Dagmar und Manfred Jetter die Stelle inne.
Ab Sommer 2006 ist Friedbert Baur Pfarrer der Ev. Gemeinde deutscher Sprache in Norwegen.
Am 6. September 2015 wird Pfarrer Sebastian Wilhelm, ehemals aus der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), in der Gemeinde eingeführt.

Veröffentlicht am 14.03.2016